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Datum: 01.05.2022

Die Chronik der »Armen Dienstmägde Jesu Christi« in Steinheim

Von 1858 bis 1964 gab es in der Wallstraße ein Kloster der "Armen Dienstmägde Jesu Christi". Dieses war auch das erste Krankenhaus in Steinheim.

Die „Armen Dienstmägde Jesu Christi“ sind ein katholischer Orden, welcher von der im Jahre 2018 heiliggesprochenen Maria Katharina Kasper (geboren am 26.05.1820; gestorben am 02.02.1898) 1851 gegründet worden war.

Das Foto zeigt den Titel der Chronik der Dienstmägde Jesu Christi in Steinheim
Chronik Dienstmägde Jesu

Das Mutterhaus in Dernbach entsandte auf Wunsch die Schwestern zur Krankenpflege, Kindererziehung und Ausbildung in die Gemeinden. Die hygienischen Verhältnisse zur damaligen Zeit waren schlecht: Mensch und Vieh wohnten unter einem Dach, geheizt wurde mit Holz, das man aus nahen Wäldern holte, und Wasser lieferte ein Hausbrunnen. So brachen in regelmäßigen Abständen Seuchen und Epidemien mit ansteckenden Krankheiten aus, ohne dass die Menschen ausreichend versorgt werden konnten.

Dementsprechend wünschten sich die Steinheimer Bürger vor allem ein Krankenhaus. Die Chronik der Dernbacher Schwestern berichtet über den Anfang: „Die erste Veranlassung zur Stiftung dieses Klosters zu Steinheim gab der Herr Kaplan Otto daselbst durch dessen Bemühungen das Bedürfnis einer solchen Anstalt unter den Bewohnern hiesiger Stadt wachgerufen wurde“. Kaplan Ignatz Otto erlebte jedoch die Gründung des Krankenhauses nicht mehr, da er am 28.07.1849 an Nervenfieber in der Blüte seiner Jahre verstarb, wie die Steinheimer Stadtchronik vermerkt.

Das Startkapital mit 50 Reichstalern für den Krankenhausbau stiftete Freiherr von Boeselager; es sollte allerdings noch einige Jahre dauern, bis man die Summe von 2.200 Reichstalern zusammen hatte, um ein geeignetes Haus an der Wallstraße (sogenanntes Altes Kloster) erwerben zu können. Dieses sollte das Zuhause der Ordensschwestern werden und „Am 9. Juli 1858 trafen die ersten Krankenschwestern – Mägde Christi genannt – hier ein und wurden am 10. Juli feierlich eingeführt. Die Aufgabe dieser Personen ist, die Kranken in den Wohnungen zu pflegen und da, wo es nötig ist, für dieselben Speisen zu besorgen“ (Auszug aus der Stadtchronik).

Bereits ein Jahr nach ihrer Ankunft waren die Schwestern stark gefordert: Sie hielten mehrere Nachtwachen bei einem vom Boden gestürzten Mann mit Splitterbruch sowie bei einer Magd, deren Bein unter eine Dreschmaschine geraten war. Gepflegt wurden auch zwei Eheleute mit Lungenentzündung, ein beinahe gänzlich verbranntes Kind, sowie eine Frau, die von der Nervenkrankheit und kurz darauf von der Schwindsucht befallen und am ganzen Körper mit offenen Wunden bedeckt war. Sie wurde mehrere Monate hinsichtlich der Wäsche wie auch der übrigen Bedürfnisse von den Schwestern gepflegt (Chronik der Dienstmägde).

Das Nervenfieber, ein anderer Name für Typhus, war eine Epidemie, welche die Be-wohner Steinheims regelmäßig heimsuchte. Verursacht durch kontaminierte Lebensmittel und Wasser, erzeugte es hohes Fieber, Bauchschmerzen und Durchfall und en-dete häufig mit dem Tode. Der Start der Nonnen war zwar gelungen: „Die Anstalt hat gleich im ersten Jahre den erwünschten Erfolg gehabt und ist als eine sehr segensreiche anzusehen“ (Steinheimer Stadtchronik). Die kräftezehrende Arbeit forderte aber auch ihren Tribut: „Wegen anstrengender Krankenpflege waren die Schwestern 1859 mehrere Woche leidend“ (Chronik der Dienstmägde). Schon bald bekamen die Schwestern auch neue Aufgaben: Sie unterrichteten die schulpflichtigen Mädchen und übernahmen deren Ausbildung in einer eigens dafür eingerichteten Nähstube.

In unterschiedlichen Handschriften verfasst, listet die Chronik gewissenhaft Jahr für Jahr auf, wie viele Kranke gepflegt und wie viele Nachtwachen gehalten wurden, wie etwa im Jahr 1915: „ Im Hause wurden 117 Kranke verpflegt und 317 Nachtwachen gehalten. In der ambulanten Krankenpflege betrug die Zahl der Gepflegten 160 wobei 53 Nächte gewacht wurde“ (Chronik der Dienstmägde). Gleichfalls festgehalten wurden Ausgaben für Gebäudesanierungen und Anschaffungen, ebenso wie Besuche der Schwestern in das Mutterhaus zwecks Teilnahme an den Exerzitien oder zur Ablegung der Profeß, Besuche von Mitschwestern oder von Bischöfen.

Auch die Ereignisse von Kriegsjahren schlagen sich in der Chronik nieder: 1870/71 wurden zusätzlich 22 verwundete Soldaten gepflegt. Zum Ersten Weltkrieg heißt es: „Die ersten drei Monate mußten wir einen Mangel an Kohlen aussitzen“ (1917) und „Die lange Dauer des Krieges bringt es mit sich, daß fast überall eine große Knappheit an Lebensmitteln herrscht“ (1918). Eine Tragödie ereignete sich 1872, als sich drei Schwestern bei der Pflege eines an Blattern (Pocken) erkrankten Arbeiters ansteckten und zwei von ihnen daran verstarben.

Das alte Sankt Rochus Krankenhaus war ein zweigeschossiges Steinhaus auf dem in der Mitte ein kleiner Glockenturm gebaut war. Anton Spilker © Fotothek Spilker Anton Steinheim
Das alte Sankt Rochus Krankenhaus in der Hospitalstraße.
Anton Spilker © Fotothek Spilker Anton Steinheim

Da das Alte Kloster am Wall nach drei Jahrzehnten für die Krankenversorgung nicht mehr ausreichte, wurde 1892 das Sankt Rochus Krankenhaus erbaut. Nun erhielten die Ordensschwestern auch Unterstützung von zivilen Angestellten. 1964 kam jedoch die betrübliche Nachricht, dass das Mutterhaus wegen Nachwuchsmangel den Vertrag für die Ordensschwestern kündigen musste. Deshalb verließen diese zum 01.10.1964 nach 106 Jahren ihre Wirkungsstätte in Steinheim.

Das Foto zeigt die beid en Geschwister Elisabeth und Anton Spilker als Erwachsene. Elisabeth Spilker trägt Ihrer Ordenskleid als Nonne. Anton Spilker © Fotothek Spilker Anton Steinheim
Die Geschwister Elisabeth und Anton Spilker
Anton Spilker © Fotothek Spilker Anton Steinheim

Einen besonderen Bezug zum Orden hatte auch die bekannte Steinheimer Familie Spilker: Elisabeth Spilker (1885 bis 1917), Schwester des Möbelfabrikanten Anton Spilker (1877 bis 1943), war 1907 in den Dernbacher Orden der „Armen Dienstmägde Jesu Christi“ eingetreten und trug fortan den Namen Schwester M. Cleophania. Eine Aufnahme zeigt sie in der Ordenstracht zusammen mit ihrem Bruder, der sie 1916 im Kloster Nettesheim besuchte.

Auch im benachbarten Vinsebeck gab es ein Kloster der „Armen Dienstmägde Jesu Christi“, welches 1857 von Graf Wolff-Metternich gegründet worden war. Die bemerkenswerten Chroniken aus Steinheim (1858 bis 1964) und aus Vinsebeck (1857 bis 1967) befinden sich im Stadtarchiv Steinheim und können jederzeit nach Anmeldung eingesehen werden.