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Datum: 03.06.2024

»Gäste setzen« nach 22:00 Uhr bei Strafe verboten: Sperrstunde für Steinheimer Gastwirte

Während heutzutage die Sperrstunden in der Gastronomie gesetzlich eher großzügig geregelt sind, waren die Steinheimer im Jahre 1836 hingegen – im wahrsten Sinne des Wortes - ausgesprochen preußisch: Pünktlich um 22:00 Uhr mußten die Gastwirte ihre Türen schließen, durften keine Gäste mehr plazieren, und der Getränkeausschank war bei Strafe verboten.

Apotheke des Schlüter
Heutige Ansicht der Apotheke Schlüter. Seit 1836 sind allerdings einige Umbauten erfolgt.

Eine umfangreiche Akte im Stadtarchiv „Acta denunciationis des Polizeidieners Redeker gegen den Gastwirth Schlüter zu Steinheim puncto Gästesitzen nach der Polizeistunde und Ruhestörung“ dokumentiert diesbezüglich einen interessanten Gerichtsfall.

Die beiden Kontrahenten waren stadtbekannte Persönlichkeiten ihrer Zeit: Zum einen der angesehene Apotheker August Schlüter, der seine Apotheke seit 1811 in der Marktstraße 1 betrieb. Hier lebte er zusammen mit Ehefrau Wilhelmine, Tochter Auguste und zwei Söhnen sowie seinem Apothekergehilfen Wilhelm Gräbner und der Magd Caroline Ridder. Zum anderen der unbescholtene, gut beleumundete Anton Redeker, der als Polizeidiener bei der Stadt angestellt war. Dieser hatte bereits im Militär gedient und führte nun unter Leitung des Bürgermeisters Vahle Aufsichtsfunktionen in der Stadt durch.

Schlüter betrieb zusätzlich zu seiner Apotheke auch noch eine Gaststube, die ihm ein weiteres Einkommen sicherte und welche Ort einer nächtlichen Auseinandersetzung wurde. Folgendes war passiert: „Steinheim, den 5ten Maerz 1836. Es erschien heute der hiesige Polizeidiener Redeker und gab folgende Denunciation gegen den hiesigen Apotheker Schlüter zu Protokoll. In der Nacht vom 31ten December auf den 1ten Januar um 2 Uhr habe er in der Wirthschaftsstube des Apothekers Schlüters dahier lauten Gesang und ein die nächtliche Ruhe störendes Getöse wahrgenommen. Er habe sich darauf zur Wohnung des Schlüter begeben um Ruhe zu gebieten. Daselbst angelangt habe er zu wiederholtem Malen an die vor den Fenstern der Wirthschaftsstube befindlichen Laden angeklopft und verlangt, daß man ihm öffne und den Gesang und das Getöse einstelle. Allein von dem Schlüter sei ihm das Öffnen der Thür ausdrücklich verweigert worden, während die Gäste, in denen er den Aufseher Hoffmann dahier und die Aufseher Overbeck und Haase zu Sommerzell erkannt habe, ihren Gesang und ihr Getöse fortgesetzt hätten“.

Gleich danach gab Redeker eine weitere Anzeige zu Protokoll: „In der Nacht vom 15ten auf den 16ten Februar 1836 habe er um 1 3/4 Uhr in der Wirthsstube des Apothekers Schlüters dahier ein die nächtliche Ruhe störendes Getöse wahrgenommen“. Der Aufforderung ihm die Tür zu öffnen sei Schlüter abermals nicht nachgekommen, und zwar mit dem Hinweis, daß er allein dem Gendarm Grusky öffnen würde, da nur dieser befugt sei, die Aufsicht wahrzunehmen. Als Gäste hätte er wiederum die bereits in der vorigen Anzeige genannten Personen erkannt. Im Übrigen sei er aber sehr wohl befugt, die Kontrolle durchzuführen und berief sich dabei auf eine Verfügung, die Bürgermeister Vahle am 16. Februar 1833 bezüglich der Sperrstunde erlassen hatte: „Es ist vielfältig bemerkt worden, daß die Gastwirthe nicht immer (...) die Polizeistunden beachten, oft bis spät in die Nacht Gäste setzen und viele derselben auch oft gar der Meinung sind, daß nur dann Feierabend geboten sei, wenn wirklich Streit und Uneinigkeit ausgebrochen“. Des weiteren ordnete der Bürgermeister die Einhaltung der Sperrstunde ab 22:00 Uhr an und verwies auf die Pflicht der Obrigkeit, Gaststuben zu kontrollieren, Übertretungen anzuzeigen und zu bestrafen.

Nachdem Schlüter eine Abschrift des Protokolls angefordert hatte, schilderte er dem Bürgermeister auf sechs Seiten ausführlich seine Sicht der Geschehnisse mit teils auch heute noch wohlbekannten Argumenten: „Die von demselben (d.h. Redeker) zu Protokoll gegebene Anklage als habe in der Sylvesternacht des vergangenen Jahres in meinem Hause ein die nächtliche Ruhe störendes Getöse stattgefunden könne wohl nur eine Erdichtung gewesen sein, denn es hätte sich keiner seiner Nachbarn beschwert“. Übrigens sei es so lange her, daß er sich nicht mehr daran erinnern könne, es läge wohl eine Verwechslung vor. Außerdem sei er darüber verwundert, daß Redeker die Anzeige erst jetzt tätigte. Er bestätige jedoch, daß an besagten Abenden der Leutnant Overbeck, Herr Haase aus Sommerzell sowie der Grenzaufseher Hoffmann bei ihm zu einem privaten „Familien Cirkel“ eingeladen gewesen seien, diese wären jedoch keine Schankgäste gewesen. Da er eine Lizenz für Logiergäste habe, hätten diese auch bei ihm übernachten dürfen. Schlüter räumt jedoch ein: „Allerdings ist unter der Begleitung der Guitarre mitunter ein Liedchen angestimmt worden, welches aber nie so laut war“. Als Erklärung für den Lärm führt er an: „Wohl aber wurde von 10 Uhr Abend an mein Haus von einem Trupp Menschen unter Tumult, Pfeifen und Geschrei umlagert“. Es müsse sich dabei wohl um Holzgeschworene oder aber eine Räuberbande gehandelt haben. Falls es notwendig sei, so könnten seine Gäste als Zeugen den Hergang bestätigen.

Diese Aussage ließ wiederum der Polizeidiener nicht auf sich beruhen und benannte nun seinerseits vier Zeugen, die seine Sicht der Dinge bestätigen könnten: den Schuhmacher Heinrich Thiet, den Nachtwächter Conrad Schmitz, den Rendant Johann Kluge und den Drechsler Conrad Ovenhausen. Sie alle wurden ausführlich zur Sache befragt und bestätigten die Aussage des Stadtdieners. Die Gäste des Apothekers hätten betrunken und grölend auf der Straße randaliert. Daher sei es die Pflicht des Redeker gewesen, die Wirtstube zu kontrollieren, um die Steinheimer Bürger vor nächtlicher Ruhestörung zu bewahren. Nach einigem Hin und Her, wobei Bürgermeister Vahle verständlicherweise Partei für seinen Stadtdiener ergriff, landete der Fall schließlich beim Gericht der Königlich Preußischen Regierung in Minden. Dessen Urteil vom 28. Juli 1836 fiel gegen den Apotheker Schlüter aus. Er wurde wegen nächtlicher Ruhestörung und Gäste setzen nach 22:00 Uhr für schuldig befunden und mußte neben diversen Verwaltungsgebühren eine Strafe von vier Reichstalern und 20 Silbergroschen bezahlen, was in etwa dem monatlichen Verdienst eines Tagelöhners entsprach.

Eine Frage blieb jedoch bis zum Schluß unbeantwortet: Warum hatte Redeker eigentlich erst nach zwei Monaten seine Anzeige gestellt? Hatte der Stadtdiener vielleicht doch noch eine Rechnung mit dem Apotheker offen? Dieses ist allerdings in der Akte nicht überliefert worden.